Warum ist der Altbau ein Sonderfall?
Beim Neubau liegen alle Pläne vor, U-Werte stehen in den Bauunterlagen, die Gebäudegeometrie ist sauber dokumentiert. Im Altbau sieht es anders aus. Grundrisse fehlen oder zeigen einen Zustand, der seit drei Umbauten nicht mehr stimmt. Die Bauteilaufbauten kennt niemand mehr. Sanierungen wurden gemacht, aber nicht protokolliert.
Folge: Die Berechnung im Bestand kostet mehr Zeit, mehr Geld und bleibt mit Unsicherheiten behaftet. Genau dort ist sie aber am wichtigsten. Die Heizlasten sind hoch, die Fehlersumme bei Über- oder Unterdimensionierung ebenfalls. Wer hier 20 Prozent zu groß plant, zahlt das zwanzig Heizperioden lang ab.
Unbekannte Bausubstanz
U-Werte von Wänden, Dach und Boden sind oft nicht dokumentiert und müssen gemessen oder geschätzt werden.
Mehrfach saniert
Verschiedene Sanierungsmaßnahmen über Jahrzehnte machen eine einheitliche Einordnung schwierig. Teils gibt es Mischzustände.
Keine Baupläne
Vor allem bei Bauten vor 1970 fehlen vollständige Grundrisse und Schnitte. Aufmaß vor Ort ist zeitaufwändig.
Typische Heizlastwerte im Altbau
Eine Hausnummer reicht oft schon, um die Größenordnung einzuschätzen. Die folgende Tabelle zeigt typische spezifische Heizlastwerte in Watt pro Quadratmeter, gestaffelt nach Baujahr und Sanierungsstand. Grundlage: freistehendes Einfamilienhaus, mittlere Klimazone, Normauslegungstemperatur von minus 12 bis minus 14 Grad. Für eine Postleitzahl im Schwarzwald oder am Voralpenrand schlagen Sie nochmal 5 bis 10 Prozent drauf.
| Gebäude und Zustand | W/m² | Beispiel 150 m² |
|---|---|---|
| EFH vor 1960, vollständig unsaniert | 140 bis 170 | 21 bis 25 kW |
| EFH 1960 bis 1979, vollständig unsaniert | 120 bis 150 | 18 bis 22 kW |
| EFH 1960 bis 1979, nur neue Fenster | 110 bis 135 | 16 bis 20 kW |
| EFH 1960 bis 1979, Fenster + Dach gedämmt | 90 bis 115 | 13 bis 17 kW |
| EFH 1960 bis 1979, Fenster + Dach + Fassade | 55 bis 80 | 8 bis 12 kW |
| EFH 1980 bis 1994, teilsaniert | 75 bis 100 | 11 bis 15 kW |
| EFH 1980 bis 1994, vollsaniert auf KfW 85 | 45 bis 65 | 7 bis 10 kW |
Richtwerte für freistehendes Einfamilienhaus, mittlere Klimazone. Reihenhäuser und Doppelhaushälften liegen 10 bis 20 Prozent darunter. Wohnungen im MFH nochmals 15 bis 25 Prozent darunter. Für die Multiplikation mit dem W/m²-Wert sollten Sie die Wohnfläche nach DIN 277 berechnen, da Dachschrägen und Anbauten das Ergebnis im Altbau spürbar verändern.
Heizlast Ihres Altbaus einschätzen
Unser Rechner berücksichtigt Baujahr, Sanierungsstand und Gebäudetyp für eine erste Orientierung.
Wie berechnet man die Heizlast im Altbau ohne Baupläne?
Für eine normgerechte Heizlastberechnung nach DIN EN 12831 braucht man Grundrisse, Schnitte und Bauteilbeschreibungen. Im Bestand sind die selten vollständig vorhanden. Vier Wege, mit der Lücke umzugehen.
Aufmaß vor Ort
Der Energieberater misst alle Räume und Außenbauteile selbst aus. Das ist zeitaufwändig, liefert aber verlässliche Flächenmaße. Für die U-Werte sind trotzdem Annahmen nötig, wenn keine Bauteilöffnungen gemacht werden.
Typologische U-Werte nach Baujahr
Aus bekannten Baujahr und Bauweise werden typische U-Werte aus Tabellen entnommen. Die DIN EN 12831 erlaubt das für vereinfachte Berechnungen. Genauigkeit: plus minus 15 bis 25 Prozent.
Bauteilöffnung und Schichtmessung
An einer Stelle wird die Wand oder das Dach geöffnet, um den genauen Aufbau und die Dämmstärken zu messen. Aufwändig, aber für kritische Bauteile sehr präzise.
Thermografie und Blower-Door
Eine Thermografie zeigt Wärmebrücken und undichte Stellen. Eine Blower-Door-Messung liefert den tatsächlichen Luftwechselkoeffizienten n50. Beide Messungen verbessern die Berechnungsgrundlage erheblich.
Tipp: Unterlagen beschaffen
Baupläne können häufig beim zuständigen Bauordnungsamt der Gemeinde angefordert werden. Für Gebäude vor 1970 ist das nicht immer erfolgreich, aber einen Versuch ist es wert. Auch frühere Eigentümer, das Notariat oder der ursprüngliche Architekt können noch Unterlagen haben.
Wie stark senken Sanierungsmaßnahmen die Heizlast?
Jede Maßnahme verschiebt die Heizlast nach unten. Wer in den nächsten Jahren sowieso saniert, sollte die Reihenfolge mitdenken: erst Dachboden und Fenster, dann die Heizung dimensionieren. Das ist banal und wird in der Praxis trotzdem ständig falsch gemacht. Hier die wichtigsten Hebel mit groben Effekten und Kostenrahmen für ein Einfamilienhaus.
| Maßnahme | Heizlastreduktion | Typische Kosten EFH | Kosten-Nutzen |
|---|---|---|---|
| Dachbodendämmung (100 bis 200 mm, begehbar) | 8 bis 15 % | 2.000 bis 6.000 € | Sehr gut |
| Zwischensparrendämmung Dach | 10 bis 18 % | 8.000 bis 18.000 € | Gut |
| Kellerdeckendämmung (Unterseitendämmung) | 5 bis 10 % | 1.500 bis 4.000 € | Sehr gut |
| Dreifachverglaste Fenster (statt Einfachglas) | 12 bis 20 % | 8.000 bis 20.000 € | Gut |
| Außenwanddämmung WDVS (12 cm) | 20 bis 35 % | 15.000 bis 35.000 € | Gut bei Neufassade |
| Innendämmung Außenwände (8 cm) | 15 bis 25 % | 12.000 bis 25.000 € | Mittel |
| Kontrollierte Lüftung mit WRG | 10 bis 20 % (Lüftungsanteil) | 8.000 bis 18.000 € | Gut in dichten Gebäuden |
Strategisch vorgehen: erst sanieren, dann Heizung tauschen
Wer zuerst die Dachbodendämmung und neue Fenster einbaut und danach die Heizlast neu berechnet, kann oft eine deutlich kleinere und günstigere Wärmepumpe wählen. Die Einsparung bei der Wärmepumpe übersteigt häufig die Kosten für die Dämmung, die zudem noch gefördert wird. Nach Abschluss der Maßnahmen sollten Sie außerdem einen Energieausweis für den Altbau aktualisieren, bei späterer Vermietung oder Verkauf ist er nach GEG ohnehin Pflicht. Parallel ändern sich nach jeder Hülldämmung die U-Werte, die in einem aktualisierten Wärmeschutznachweis nach GEG dokumentiert werden, der die Grundlage für jede neue Heizlastberechnung bildet.
Wird das Gebäude im Zuge der Sanierung deutlich dichter, etwa durch neue Fenster und eine durchgehende Außenwanddämmung, ist eine kontrollierte Lüftung oft Pflicht. Lassen Sie sich vorab ein Lüftungskonzept nach DIN 1946-6 erstellen, damit Lüftungswärmeverluste und Schimmelvermeidung in der Heizlast sauber abgebildet sind.
Wer den sanierten Altbau später verkaufen oder beleihen möchte, sollte parallel eine Bewertung saniertem Altbau in Köln einholen. Damit lässt sich abschätzen, wie stark die durchgeführten Maßnahmen den Marktwert tatsächlich gehoben haben.
Wer die Maßnahmen nicht nach Bauchgefühl, sondern nach belastbaren Verbrauchsdaten priorisieren möchte, nutzt ein Energieaudit als Sanierungsgrundlage. Es identifiziert die größten Verlustquellen im Bestand und liefert die Zahlen, mit denen die spätere Heizlastberechnung und Anlagenauslegung sauber zusammenpassen.
Wärmepumpe im Altbau: Was wirklich wichtig ist
Die Wärmepumpe ist im Bestand das anspruchsvollste Heizsystem. Sie verzeiht keine Überdimensionierung und reagiert sofort, wenn die Vorlauftemperatur zu hoch liegt. Im Altbau heißt das: vier Punkte sauber abarbeiten, sonst läuft die Anlage am Ende mit einer JAZ unter drei und das war es dann mit der Wirtschaftlichkeit.
Heizlastberechnung vor allem anderen
Ohne normgerechte Heizlastberechnung ist keine seriöse Wärmepumpenplanung möglich. Grobe Faustregeln führen im Altbau besonders häufig zu stark überdimensionierten Anlagen.
Vorlauftemperatur prüfen
Vor dem Einbau muss geprüft werden, welche Vorlauftemperatur die vorhandenen Heizkörper bei niedrigen Außentemperaturen wirklich brauchen. Oft reichen 50 bis 55 Grad, auch wenn früher mit 70 Grad gefahren wurde.
Hydraulischen Abgleich einplanen
Der hydraulische Abgleich ist beim Wärmepumpeneinbau gesetzlich vorgeschrieben. Er basiert auf der raumweisen Heizlast und sorgt dafür, dass jeder Raum genau die benötigte Wärme bekommt.
Pufferspeicher für Altbau
Im Altbau mit alten Heizkörpern und einfachen Ein/Aus geregelten Wärmepumpen ist ein hydraulischer Pufferspeicher von 100 bis 200 Litern oft sinnvoll, um Taktvorgänge zu reduzieren und Laufzeiten zu verlängern.
Alte Heizkörper und Vorlauftemperatur: Was ist noch nutzbar?
Die häufigste Frage in der Beratung: Müssen alle Heizkörper raus, wenn eine Wärmepumpe rein soll? Die ehrliche Antwort ist meistens: nein.
In den 1970er und 1980er Jahren galten andere Auslegungsregeln. Sicherheitszuschläge von 30 oder 40 Prozent waren Standard. Wer dann zwischenzeitlich noch Fenster getauscht oder das Dach gedämmt hat, sitzt heute auf Heizkörpern, die für den neuen Wärmebedarf weit überdimensioniert sind. Die Tabelle unten zeigt, was das in Zahlen bedeutet.
| Vorlauftemperatur | Heizkörperleistung | JAZ der Wärmepumpe | Bewertung |
|---|---|---|---|
| 70 °C (alter Betrieb) | 100 % (Norm) | 1,8 bis 2,2 | Ungeeignet für WP |
| 55 °C (Absenkung) | ca. 72 % | 2,5 bis 3,0 | Grenzwertig |
| 50 °C | ca. 63 % | 2,8 bis 3,4 | Akzeptabel |
| 45 °C | ca. 55 % | 3,2 bis 3,8 | Gut |
| 35 °C (Fußboden) | ca. 35 % | 4,0 bis 5,0 | Optimal |
Ein Heizkörper, der bei 70 Grad Vorlauf 1.000 Watt abgibt, gibt bei 55 Grad noch rund 720 Watt ab. Wenn die Raumheizlast durch Sanierung auf 600 Watt gesunken ist, reicht der vorhandene Heizkörper bei 55 Grad also immer noch aus. Welcher Raum kritisch ist und welcher nicht, zeigt eine raumweise Heizlastberechnung nach Verfahren B. Sie ist im Altbau die wichtigste Entscheidungsgrundlage zwischen Heizkörpertausch und Bestand erhalten.
Wie geht man im Altbau Schritt für Schritt vor?
Sanierungsstand dokumentieren
Sammeln Sie alle Informationen zu bisherigen Maßnahmen: Wann wurden Fenster getauscht, wann das Dach gedämmt, gibt es eine Fassadendämmung? Rechnungen und Fotos helfen dem Energieberater.
Baupläne beschaffen oder Aufmaß beauftragen
Versuchen Sie, Grundrisse und Schnitte beim Bauordnungsamt zu bekommen. Falls das scheitert, lassen Sie den Energieberater ein Aufmaß machen. Das erhöht die Genauigkeit der Berechnung.
Heizlastberechnung beauftragen
Ein zugelassener Energieberater erstellt die normgerechte Berechnung nach DIN EN 12831. Im Altbau dauert das durch die Datenaufnahme länger als beim Neubau.
Sanierungsoptionen prüfen
Wenn die Heizlast sehr hoch ist, prüfen Sie gemeinsam mit dem Energieberater, welche Sanierungsmaßnahmen vor dem Heizungstausch sinnvoll sind. Ein Sanierungsfahrplan hilft bei der Priorisierung.
Heizung passend dimensionieren
Erst nach der Heizlastberechnung wird die Heizungsleistung festgelegt. Kein seriöser Heizungsbauer sollte vorher eine feste Gerätegröße nennen.
Hydraulischen Abgleich durchführen
Nach dem Heizungseinbau ist der hydraulische Abgleich auf Basis der raumweisen Heizlastwerte Pflicht. Er stellt sicher, dass jeder Raum die richtige Wärmemenge bekommt.
Fünf Fehler, die im Bestand teuer werden
Heizung vor der Berechnung bestellen
Wer einen Kaufvertrag für eine bestimmte Wärmepumpenleistung unterschreibt, bevor die Heizlast bekannt ist, riskiert eine Anlage, die nicht zum Gebäude passt.
Sanierungseffekte ignorieren
Wer für ein Gebäude mit neuen Fenstern und Dachdämmung noch die Heizlast des ursprünglichen Bauzustands ansetzt, überdimensioniert die Heizung systematisch.
Alle Heizkörper pauschal ersetzen
Ohne raumweise Heizlastberechnung werden oft unnötig Heizkörper getauscht. Das kostet Geld und Zeit, ist aber in vielen Räumen gar nicht nötig.
Vorlauftemperatur nicht prüfen
Wer annimmt, dass alte Heizkörper zwingend 70 Grad brauchen, schließt die Wärmepumpe als Option aus oder kauft eine unwirtschaftliche Anlage.
Kellerräume einrechnen
Ungeheizte Kellerräume haben keine Heizlast und dürfen nicht zur Wohnfläche gerechnet werden. Das ist im Altbau besonders häufig ein Fehler.
Häufige Fragen: Heizlast im Altbau
Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um die Heizlastberechnung.
Ein freistehendes Einfamilienhaus aus den 1960er oder 1970er Jahren ohne nennenswerte Sanierungsmaßnahmen hat typischerweise eine spezifische Heizlast von 120 bis 160 Watt pro Quadratmeter. Bei 150 m² Wohnfläche ergibt das eine Gesamtheizlast von 18 bis 24 kW. Nach einer umfassenden Sanierung kann dieser Wert auf 40 bis 60 W/m² sinken.
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